Schritt für Schritt

Es tut sich etwas. Zumindest fühlt es sich so an. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass ich nicht wirklich weiterkomme und auf der Stelle stehe, so sehe ich doch, dass sich etwas verändert. Ich gehe kleine Schritte und befinde mich mitten in einem Prozess.

Ich habe mich letztens gefragt, wann und wie mann denn sein Coming-out hat. Teilweise habe ich das Gefühl, dass ich nun bereits mehrfach ein kleines Coming-out hatte. Ich habe es früher nie für möglich gehalten, mit anderen Menschen über meine sexuelle Orientierung zu sprechen. Mittlerweile fällt mir dies leichter und ich merke, wie gut es mir tut, mit anderen über meine derzeitige Situation zu reden. Letztens habe ich mich mit einer Kommilitonin getroffen und als wir irgendwann beim Thema Beziehung angekommen waren, dachte ich mir, ich sage ihr ganz offen, wie es bei mir gerade aussieht. Ihre Reaktion auf meine Ehrlichkeit war etwas wie „Aber das ist doch heute wirklich keine große Sache mehr. Ich bin der Meinung, dass jeder lieben kann, wenn er will“. Luisa ist kein Christ und als ich ihr meinen innerlichen Konflikt zwischen Glaube & Homosexualität schilderte, verstand sie, warum es für mich persönlich doch „eine große Sache“ ist. Ihre Worte „Wenn es deinen Gott gibt und er ein Gott der Liebe ist, dann wird er damit kein Problem haben“ machten mir Mut.

Vor einer Woche war ich abends mit Arbeitskollegen auf dem Stadtfest. Relativ schnell sind wir an einem guten Weinstand hängen geblieben und nach der dritten Rosé Runde, kam ich mit meinem Chef in Gespräch. Wir redeten eine ganze Weile und irgendwann sagte ich: „Sven, ich würde dir gerne etwas erzählen. Wenn ich kein Christ wäre, hätte ich schon längst mein Coming-Out gehabt.“ Nun muss ich dazu sagen, dass mein Chef schwul ist und dies auch offen lebt. Seine Reaktion auf meine Offenheit war herzlich und verständnisvoll. Wir redeten noch lange und er erzählte mir von seinem Coming-Out und den Erfahrungen, die er gemacht hatte. Sven ist kein Christ und Teile seines Lebensstils passen nicht mit meiner Vorstellung von Intimität und Beziehung zusammen (wechselnde Partner etc.). Trotzdem schätze ich Sven sehr und er ist eine der authentischsten Personen, die ich kenne. Er steht zu dem was er tut und versucht nicht irgendwelchen Standards zu entsprechen oder Anforderungen, die andere Menschen an ihn haben, zu erfüllen. Sven ist Sven und das ist gut so. Er sagte zu mir: „Das Wichtigste ist, dass man mit sich selbst im Reinen ist.“ Auch wenn sich an dieser Stelle natürlich streiten lässt, ob dies wirklich das Wichtigste im Leben ist, so steckt in dieser Aussage doch eine tiefe Wahrheit, die jeder von uns verspürt. Erst wenn ich mich selbst annehmen kann und meine eigene Identität finde, bin ich fähig zu lieben. Als Christ weiß ich, dass Gott mir meine Identität schenkt und Wert gibt. Trotzdem liegt es aber an mir, dies auch anzunehmen.

Meine Glaubenskrise geht nun schon knapp ein Jahr. Mein Leben ist zur Zeit geprägt von geistlichen Auf und Abs… wobei, wenn ich ehrlich bin, es seit geraumer Zeit eigentlich nur Bergab geht. Mein innerlicher Konflikt hat Auswirkungen auf mein ganzes geistliches Leben. Stille Zeit findet gar nicht mehr statt, Beten nur sporadisch und der sonntägliche Gottesdienst ist mehr oder weniger eine Pflichtveranstaltung. Kann es das sein? Wie viel ist von meinem Glauben noch übrig?
Meine Schwester hat mich die letzten Tage über besucht. Wir hatten eine echt gute Zeit zusammen und konnten viel unternehmen. Natürlich habe wir auch über meine derzeitige Situation gesprochen. Lena weiß schon lange über alles Bescheid und mir fällt es zunehmend leichter, offen mit ihr über meine Gedanken und Gefühle zu sprechen. Ein wesentlicher Aspekt ist mir in unserem letzten Gespräch klar geworden: Wenn ich ehrlich bin, liegt mein Glaubensleben gerade nur deshalb so brach, weil ich der Meinung bin, dass ich erst, nachdem ich eine Antwort auf meinen innerlichen Konflikt gefunden habe, im Glauben weiterkommen kann.

Aber wie soll ich Frieden mit dem Thema schließen können, wenn ich Gott nicht miteinbeziehe?

Ist es nicht wichtig, gerade in meiner aktuellen, verkorksten Lage die Nähe Gottes zu suchen? Auch wenn dies relativ logisch und einleuchtend klingen mag, so ist mir dieser Gedanke noch nie so klar gewesen. Ich habe meine Homosexualität bis jetzt immer losgelöst von meinem Glauben gesehen und unbewusst die Bedingung formuliert, dass ich mich meinem Glauben erst wieder zuwenden kann, wenn ich weiß, ob ich homosexuell leben möchte oder nicht. Aber Glauben kann man nicht auf Standby schalten – diese Erfahrung habe ich letzten Monate gemacht. Geistlich zu verkümmern ist keine Option und eigentlich nur das, was – und das mag jetzt etwas krass klingen – Satan möchte.
Spannend, wie sich gerade alles so entwickelt… gestern hatte ich noch ein tolles Erlebnis, mit dem ich diesen Eintrag schließen möchte. Ich habe mich zum Abendessen mit einer guten Freundin getroffen. Als wir später am Balkon saßen, habe ich auch ihr von meiner Homosexualität erzählt. Sie musste weinen, als ich von meiner innerlichen Zerrissenheit sprach. Aus Mitgefühl. Sie sagte in etwa folgenden Satz: „Mich macht es unglaublich traurig, wie manche Christen mit diesem Thema umgehen und wie viel durch pauschale Verurteilung schon kaputt gegangen ist. Ich weiß zu wenig darüber, aber eins kann ich dir ganz offen sagen: Über allem steht die Liebe. Ich liebe dich als Person und nicht wegen dem was du tust oder wie du lebst. Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen Frieden findest.“

Es gibt 9 Kommentare.

  1. Mag deine Ehrlichkeit sehr und weißt du was??Ich hatte irgendwann auch das Gefühl,Gott nicht mehr wirklich nah zu sein.Und dann entschied ich mich auch Schrittchen für Schrittchen mein coming out voranzubringen.Und es war so als ob Gott mir dafür den roten Teppich ausgelegt hätte.Unsicher und verletzt ging ich meinen Weg und die Beziehung zu Gott besserte sich wieder.Obwohl seine Liebe ja nie aufgehört hatte.Wir machen in unserem Glaubensleben Phasen durch…das kann auch mal bedeuten,daß man nich mehr beten will oder lesen oder Gemeinde langweilig ist,aber das is alles ok meines Erachtens.Gott hält das aus.Er liebt uns und er weiß auch,welchem Druck wir oft ausgesetzt sind und wir wollen uns freistrampeln.Er versteht uns soo gut.Er trägt uns durch bis wir im Einklang sind.Hauptsache wir kommen ehrlich vor Gott.Ohne Maske.Und das liebt er.
    Er ist gut.Und auch du wirst irgendwann sein Wort hinter dir hören…“dies ist der Weg,den geh…“
    Sei lieb gegrüßt
    Elena

  2. Hey lieber Marc,

    Es ist wunderbar wie du dich hier weiterhin mitteilst und deine tiefsten Gedanken teilst. Das ist wahrlich ein Prozess des Coming Outs – dein persönliches und es macht was mit dir. Deine vielen Fragen und Zweifel sind völlig normal und sie helfen dir, deine Sehnsucht, mit dir und Gott im Reinen zu sein, ein Stück näher zu kommen.

    Wenn du aber meinst, dein geistliches Leben verkümmert oder dein Christsein nimmt ab, nur weil du weniger betest, Bibel liest und Gottesdienste besuchst, muss ich dich enttäuschen. Wieso sollte das so sein? Misst du daran das Christsein? Das habe ich früher auch gern getan und das ist etwas, was man uns den den tollen Brüdergemeinden auch immer schön eingetrichtert hat, bis es ganz tief saß. Dann hat man nämlich irgendwann nen Problem und setzt sich enorm unter Druck oder verzweifelt. Das nenne ich geistlichen Missbrauch. Gott drückt dir nichts auf und verlangt keine Leistung. Du darfst die Zeit der Lustlosigkeit und mangelnder Motivation in Anspruch nehmen und loslassen. Du machst dir doch 1000 andere Gedanken und beziehst Gott dabei ein. Das sieht ER und zeigt dir dabei so viel Neues in deinem Leben. Er gibt dir auch neue Erkenntnisse und Hinweise durch deine Begegnungen und Erlebnisse. Das nenne ich auch geistliches Wachstum, aber eben mal anders als du vielleicht denkst und es gewohnt bist. Vielleicht bekommst du zu Gott eine ganz andere wertvolle und tiefe Beziehung, weil dein Blickwinkel sich langsam ändert. Denk mal darüber nach…

    Ich werde an dich denken und für dich beten…LG DIRK

  3. Hey. Komm einfach weiter vor Gott. Mit allen Gedanken und allem Krempel. Gott hält uns aus. Das Einzige was uns irgendwann von ihm entfremdet, ist wenn man aus Scham oder Zweifel ihm Teile von sich vorenthält. Kipp auch dein Ärgstes vor ihm aus… er nimmt uns mit offenen Armen, egal was du ihm präsentierst. Ist meine Erfahrung.

  4. Moin, lieber Marc,
    geistlich reifen, wachsen mit Gott – ich glaube, ohne Krise geht das kaum. Irgendwann kommen die Fragen, die Zweifel, die Unsicherheiten. Normalerweise kommen sie in einer Form, mit der man nicht rechnet… Ich bin sehr froh und dankbar, daß ich an Deinem Weg durch das Lesen Deiner Gedanken teilhaben darf. Darin begegne ich auch mir selbst und meinem Zweifel. Ich freue mich über jeden Deiner Schritte in Richtung Freiheit. Ich freue mich über jeden Menschen, dem Du Dich anvertrauen kannst.
    Dir von Herzen viel Kraft und Zuversicht für Dich und für Deinen Weg.
    Christian

  5. Hey hallo zusammen…toll Eure Beiträge zu lesen. Ich möchte Euch auf ein neues Buch aufmerksam machen „Echt schwul – echt Christ“ von Jeremy Marks.
    Schönen Sommer Euch allen
    Liebe Grüsse
    Roland

  6. Hallo Marc,

    ich lese gerne deine Beiträge ,die so authentisch sind.Sie zeigen dich ganz persönlich,mit allem was dazu gehört, deine Fragen,deine Zweifel,deine Wünsche.
    Du hast folgendes geschrieben:
    „Ich habe meine Homosexualität bis jetzt immer losgelöst von meinem Glauben gesehen und unbewusst die Bedingung formuliert, dass ich mich meinem Glauben erst wieder zuwenden kann, wenn ich weiß, ob ich homosexuell leben möchte oder nicht.“
    Meine Gefühle bringe ich vor Gott,weil ich weiß ,das er mich liebt, so wie ich bin.In seinem Wort,in Predigten spricht er mich ganz persönlich an ,auch auf dies Thema oder durch „Zufälle“.Zufälle sind für mich keine Zufälle,sondern Wegweiser Gottes für mich.
    Was tut mir noch gut für mein Christsein,abgesehen von meiner stillen Zeit?
    Natürlich das Reden mit Gott auch über meine Gefühle.
    Das Gespräch mit meiner Seelsorgerin und meinem Pastor,der jetzt mit „in das Boot“ gestiegen ist und mich nicht verurteilt,wegen meinen Gefühlen.
    Er schlug selber vor mal einen MCC-Gottesdienst zu besuchen und das haben wir getan und er war beeindruckt.
    Die Gespräche gehen weiter,auch wenn einige zeit mal vergehen sollte.
    Gut tun mir die Gottesdienste, Andachten der MCC ,auch wenn ich sie nur sporadisch besuche.
    Letztens war ich auf dem CSD und da war ein Ökumenischer Gottesdienst.War echt gut.
    Halte weiterhin Kontakt zu Zwischenraum,das tut deinem Glauben gut.
    Gibt es bei dir eine MCC-Gemeinde in der Nähe?

    Sei lieb gegrüßt.Gott ist mit dir auf deiner Reise,Ich denke an dich.
    Josef

  7. Hey!

    Danke für eure Antworten. Sie bedeuten mir wirklich viel… es tut gut zu wissen, dass Gott mich führt. Mein Blog gibt mir die Möglichkeit, meine Gedanken zu ordnen und einfach alles besser zu verarbeiten.

    Danke, dass ihr mich begleitet!

    Lieber Gruß,
    Marc

  8. Pingback: no compromise | esistso_blog

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